News-Archiv

Date of publishing: 12. Oktober 2020

Eine von vier Personen wird im Laufe ihres Lebens unter Hüftarthrose leiden. Diese Zahl ist aufgrund steigender Lebenserwartung und zunehmendem Body-Mass-Index (BMI) in der Bevölkerung ansteigend.

Die aktuellen Behandlungsmöglichkeiten dieser degenerativen, schmerzhaften Erkrankung zielen auf Schmerzlinderung und Funktionserhalt des Hüftgelenks ab und reichen von Physiotherapie, Gewichtsreduktion und Schmerzbehandlung bis hin zum operativen Hüftgelenksersatz.

Die Rolle der Hüftmuskulatur 

Die Hüftmuskulatur besteht aus mehreren Muskeln, die einen geschlossenen Muskelmantel um das Hüftgelenk bilden. Eine gut ausgeprägte Hüftmuskulatur spielt daher eine große Rolle in der Stabilisierung des Hüftgelenks.

Um die Muskelkraft zu messen, kann die Korrelation mit der sogenannten physiologischen Querschnittsfläche (PCSA oder CSA), welche das Maß für die Gesamtfläche der Querschnitte senkrecht zu den Muskelfasern in Pennatmuskeln darstellt, herangezogen werden. Die Rolle der einzelnen am Hüftgelenk beteiligten Muskeln hinsichtlich ihrer CSA und der Auswirkung auf Hüftgelenksschmerzen und -funktion wurde nun von einer australischen Studiengruppe an 27 Patient*innen mit milder bis moderater Hüftosteoarthrose untersucht.

Das Studiensetting

Die Probanden – 18 Frauen und 9 Männer – kaukasischer Ethnie waren im Schnitt 63 Jahre alt, hatten einen durchschnittlichen BMI von 28, litten in den letzten 3 Monaten vor Studienbeginn unter Hüftschmerzen und wiesen einen Harris-Hip-Score (HHS) von < 95 Punkten sowie einen Kellgren-Lawrence Grad 2 oder 3 und/oder eine Gelenksspaltweite ≤ 3 mm in einer oder beiden Hüften auf.

Der Querschnitt der einzelnen Hüftmuskeln (psoas major, rectus femoris, gluteus maximus, medius und minimus, adductor longus und magnus, internus und obturator externus) wurde durch Magnetresonanz-Bildgebung ermittelt. Hüftschmerzen und -funktion wurden über den Hip Disability and Osteoarthritis Score (HOOS) evaluiert und in 5 Subskalen kategorisiert: Schmerzen, Symptome, tägliche Aktivitäten, Sport und Erholung und hüftbezogene Lebensqualität.

Hüft-Adduktoren und -Flexoren als Target für gezielten Muskelaufbau?

Nach Adjustierung auf Alter und Geschlecht zeigte sich, dass größere Querschnitte des adductor longus und adductor magnus mit einem größeren HOOS Score in Lebensqualität (Regressionskoeffizient 1.4, 95 % Konfidenzintervall (KI) 0.2–2.7, p=0.02), täglichen Aktivitäten (Regressionskoeffizient 1.3, 95 % KI 0.1–2.6, p=0.04) und Sport und Erholung (Regressionskoeffizient 1.6, 95 % KI 0.1–3.0, p=0.04) korrelierten.

Ein positiver Trend zeigte sich auch zwischen größerer Querschnittsfläche des psoas major und besserer Lebensqualität (Regressionskoeffizient 3.6, 95 % KI -0.5–7.7, p=0.08).

Die Ergebnisse dieser kleinen Studie müssen in größeren Verlaufsstudien bestätigt werden, geben aber erste Hinweise darauf, dass die Stärkung der Hüftadduktoren und Hüftflexoren positive Effekte in Bezug auf Gelenksfunktion und Lebensqualität bei Patient*innen mit milder bis moderater Hüftarthose bewirken könnte.

Date of publishing: 12. Oktober 2020

In motorischen Funktionstests bei Frauen mit Kniegelenksarthrose war die Kraft der Kniegelenksmuskulatur – neben anderen Parametern – der entscheidende Faktor.

Das ergab eine Querschnittsstudie an mehr als 100 Patientinnen, die von drei ÄrztInnen der Abteilung für physikalische Medizin und Rehabilitation an der Akdeniz Universität in Antalya (Türkei) durchgeführt wurde. 

Bei älteren Frauen ein besonders häufiges Problem 

Die funktionelle Einschränkung ist ein Prädiktor für Behinderung, also für gesundheitlich bedingte Schwierigkeiten, Aktivitäten durchzuführen. Kniegelenksarthrose gehört zu den häufigsten gesundheitlichen Problemen älterer Menschen; auch sie führt zur Funktionseinschränkung und damit zur körperlichen Behinderung. Frauen sind Berichten zufolge von dieser Funktionsabnahme besonders betroffen.

Welche „Funktion“? ...

Wesentliche Funktionseinschränkungen betreffen vor allem das Gehen und das Stiegensteigen. Diese Einschränkungen scheinen jedoch nicht nur eindimensional mit dem Schmerz verknüpft zu sein; vielmehr besteht offenbar eine komplexe Interaktion mit soziodemographischen, pathologischen und psychologischen Faktoren. Ein höheres Alter und ein erhöhter Body Mass Index (BMI) tragen zum Risiko bei. Komorbiditäten sind häufig. Neben dem Schmerz findet man häufig eine Muskelschwäche im Bereich des betroffenen Gelenks; dessen Bewegungsradius ist in der Regel eingeschränkt. Spätfolgen der Erkrankung können Depression und Angsterkrankungen sein.

… und was beeinflusst sie?

In der vorliegenden Studie wollte man Hinweise darauf erhalten, welche Determinanten sich auf die Funktion auswirken. Dazu wurden demographische, pathologische, psychologische und andere Faktoren berücksichtigt. An der Studie nahmen 110 Frauen ab 50 Jahren teil, die mit Knieschmerzen in der Ambulanz vorstellig geworden waren und die ACR-Kriterien für Kniearthrose erfüllten. Körperliche Leistungstests umfassten den 10- Meter-Gehtest, einen Aufsteh-Gehtest (Timed up and go) und einen Test im Stiegensteigen; gemessen wurde jeweils die benötigte Zeit.

Zusätzlich wurde mit jeder Patientin die WOMAC Physical Function Subscale erhoben (self-reported Function) und mit einer visuellen Analogskala die Schmerzintensität geschätzt. Mit Hilfe eines Dynamometers wurde die Muskelstärke am Quadrizeps und der hinteren Oberschenkelmuskulatur gemessen und gemittelt. Ein Goniometer diente zur Messung des Bewegungsradius (Flexion) im Knie.

Für die Bestimmung des Schweregrads der Arthrose wurde der Kellgren-Lawrence-Score herangezogen. Zudem kam die Hospital Anxiety and Depression Scale zur Anwendung, um affektive Symptome standardisiert zu erfassen.

Muskelkraft und Knieschmerzen als Hauptparameter

Das Durchschnittsalter der Teilnehmerinnen lag bei knapp 61 Jahren, der durchschnittliche BMI bei 31. Die mittlere Muskelkraft betrug 0,64 Nm/kg. Auf der visuellen Analogskala wurde im Durchschnitt eine Schmerzintensität von 4,9 (aus 10) angegeben. Die Hauptdeterminante für die Leistungstests war die Stärke der Kniemuskulatur. Auch der Flexions-Bewegungsradius, Knieschmerz und das Alter spielten eine wesentliche Rolle. Betrachtet man die selbst berichtete Funktion (WOMAC Physical Function Subscale), so wurde sie hauptsächlich durch den Knieschmerz bestimmt (auch BMI, Angst und Muskelkraft spielten hier z. B. eine Rolle). Weitere Parameter waren mit einzelnen Einschränkungen assoziiert. Ein klarer Zusammenhang zwischen radiologischer Schwere der Arthrose mit der Funktion wurde nicht gefunden.

Mehrere Limitationen – unter anderem der Querschnittscharakter der Studie, also der Umstand, dass die Patientinnen nur einmal und nicht über einen Zeitverlauf untersucht wurden – schränken die Aussagekraft der Studie ein.

Muskelschwäche verbessen – Muskelschmerzen bekämpfen

Entsprechend den Ergebnissen fordern die Autorinnen, dass die Verbesserung einer Muskelschwäche und der Erhalt der Muskelkraft bei Frauen mit Kniegelenksarthrose ein Therapieziel sein muss.

Zudem sollten dem Bewegungsradius in der Knieflexion, Schmerzmanagement, Gewichtsabnahme und Verbesserung von Angstsymptomen im Management der Kniearthrose Priorität eingeräumt werden. Da Leistungstests und selbstberichtete Parameter offenbar unterschiedliche Aspekte der Funktion untersuchen, sollten, so die Autorinnen, bei Frauen mit Kniearthrose beide Erhebungen durchgeführt werden.

Date of publishing: 12. Oktober 2020

Schmerzen im Bewegungsapparat sind nicht nur unangenehm, sondern beeinträchtigen auch die Funktion des betroffenen Bereiches. Daten deuten seit einiger Zeit darauf hin, dass dieser Funktionsverlust aber nicht nur „eindimensional“ mit dem Schmerz verbunden ist, sondern vielmehr auch mit einer verschlechterten kognitiven Leistung.

Die Richtung dieser Assoziation (also was wodurch bedingt ist, falls eine Kausalität existiert) ist dabei freilich noch unklar. Die Kognition könnte möglicherweise die Auswirkungen der Schmerzintensität auf die Funktion beeinflussen: Ist die negative Auswirkung des Schmerzes auf die Funktion weniger ausgeprägt, wenn die Kognition in Ordnung ist?

Eine kleine Querschnittsstudie

Um die Datenlage zu ergänzen, unternahm eine Gruppe von ÄrztInnen aus verschiedenen Abteilungen der School of Medicine an der University of Pittsburgh eine Querschnittsstudie (d. h. die teilnehmenden Personen wurden nur einmal untersucht). Dabei sollten die Assoziationen zwischen Schmerzintensität, kognitiver Funktion und körperlicher Funktion näher untersucht werden. 79 ambulante Kriegsveteranen mit fortgeschrittener Arthrose des Kniegelenks, die bereits an einer Therapiestudie teilnahmen, erklärten sich zur Teilnahme an dieser Substudie bereit. Alle waren 60 Jahre oder älter; ihre Arthrose entsprach radiologisch einem Kellgren-Lawrence-Score von 3 oder 4 und verursachte zumindest mäßige Schmerzen. Eine kognitive Beeinträchtigung entsprechend einem Mini-Mental-Score (MMSE) < 24 führte ebenso zum Ausschluss wie schwere unkorrigierte Höroder Sehbeeinträchtigung.

Ausführliche Tests

Nach einer kurzen klinischen Begutachtung des Knies wurden ausführliche Testungen der kognitiven Funktion vorgenommen: Die Exekutivfunktion und die Gedächtnisfunktion wurden mit psychologischen Instrumenten untersucht (Tracking Test, Bankomat-Test, Bild-Wiedererkennung, Worterinnern).

Die Funktion des Bewegungsapparates wurde anhand der Geschwindigkeiten im 4-m-Gehtest und beim Stiegensteigen evaluiert. Zur Messung der Schmerzintensität wurde der McGill Pain Questionnaire Short Form (MPQ-SF) herangezogen, dessen Gesamtscore sich aus einem Sensory Subscore und einem Affective Subscore ergibt. Zusätzlich wurden Komorbiditäten, eine allfällig bestehende Depression sowie der Body-Mass-Index (BMI) erhoben.

Entsprechend der Studienpopulation aus Kriegsveteranen waren fast alle teilnehmenden Personen (96 %) männlich. Das Durchschnittsalter lag bei 70 Jahren, der mittlere BMI bei 30,6. 

Stärkere Schmerzen – schlechtere Gehtests …

Für den MPQ-SF Total Score und den MPQ-SF Affective Score wurde – wenig überraschend – eine statistisch signifikante inverse Assoziation mit der Gehgeschwindigkeit gefunden. Ein verschlechterter MPQ-SF Total Score, Affective Score oder Sensory Score war weiters mit schlechteren Resultaten im Stiegensteigen verbunden.

… aber keine Assoziation zwischen Schmerz und Kognition

Eine Regressionsanalyse (adjustiert für Alter, Komorbiditäten, BMI und Intelligenz) zeigte keine statistisch signifikanten Assoziationen der MPQ-SF Scores mit kognitiven Scores.

Knieschmerzen bei Kniearthrose

Exekutivfunktion und Bewegungsleistung

In Regressionsanalysen zeigte sich, dass schlechtere Ergebnisse im Bankomat-Test auch mit schlechterer Gehgeschwindigkeit assoziiert waren. Bessere Scores im Tracking-Test waren mit rascherem Stiegensteigen verbunden. Für die Gedächtnistests wurde keine statistisch signifikante Assoziation gefunden.

Abschließend stellte sich die Frage, ob die kognitive Funktion die Beziehung zwischen Schmerz und Bewegungsfunktionen beeinflusst. Es wurde gezeigt, dass die Exekutivfunktion zwar den Zusammenhang zwischen Schmerz und Gehtest, aber nicht zwischen Schmerz und Stiegensteigen zu beeinflussen schien. Die AutorInnen vermuten, dass der Grund in der geringen Studiengröße liegen könnte, oder aber, dass der Gehtest möglicherweise das empfindlichere Instrument zur Darstellung der Abnahme der Bewegungsleistung ist.

Kognition mitbeachten

In ihrer Zusammenfassung betonen die Autorinnen, dass die Kognition in der Bewegungsfunktion eine wichtige Rolle einnehmen könnte; das sei wichtig, weil eine frühe Erkennung einer Gangverschlechterung die Gelegenheit zur frühen Erkennung allfälliger kognitiver Störungen biete – und bei positivem Befund die Möglichkeit zur frühzeitigen Intervention. Weiters sei es möglich, dass Schmerz bei intakter kognitiver Funktion weniger wahrscheinlich einen Effekt auf die Motorik habe.

Die Richtung der Assoziation bleibe jedoch ungeklärt: Es sei denkbar, dass der Schmerz die kognitive Funktion beeinträchtige, aber ebenso denkbar sei eine Beeinflussung der Schmerzverarbeitung durch veränderte kognitive Fähigkeiten. Beides könnte sich auf die motorische Leistung auswirken. 

Noch in den Kinderschuhen

Die Studienergebnisse liefern freilich nur vorläufige Hinweise und müssen mit äußerster Vorsicht interpretiert werden! Dies vor allem deshalb, weil die Studienpopulation mit N=79 sehr klein war und fast nur Männer beinhaltete und weil durch das Querschnittsdesign keinerlei Beobachtung über den Zeitverlauf stattfand.

Zudem wurde keine statistische Korrektur für multiples Testen vorgenommen (das erhöht die Wahrscheinlichkeit von Zufallsergebnissen). Aus vorliegender Arbeit sind daher keine definitiven Schlüsse möglich.

Date of publishing: 5. Oktober 2020
Wir wissen, wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa das tägliche Leben von Betroffenen in vielen Bereichen beeinflussen. Patient*innen sind trotz...
Date of publishing: 5. Oktober 2020

Das Management invasiver Pilzinfektionen stellt das betreuende Team vor diagnostische und therapeutische Herausforderungen. 

Nach wie vor sind Schimmelpilzinfektionen wie invasive Aspergillosen (IA) und Mukormykosen durch schwere Verläufe, die in vielen Fällen eine Intensivbehandlung notwendig machen, gekennzeichnet1. Gleichzeitig entziehen sie sich häufig der Diagnose. Gerade im Intensivsetting bestehen oft nur unspezifische klinische Zeichen, und der Nachweis einer IA erfordert ein Gesamtbild auf der Basis mehrerer Untersuchungsmethoden. Eine Analyse von Autopsieberichten zeigte, dass die Diagnose einer invasiven Pilzinfektion in 54 von 100 Fällen erst post mortem gestellt worden war2

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Date of publishing: 22. September 2020

Diese Woche findet die „Fungal Awareness Week“ statt, eine Initiative, die auf die Gefahren für Ihre Patient*innen durch Pilzinfektionen aufmerksam machen will. Invasive Aspergillosen (IA) zählen zu den häufigsten invasiven Schimmelpilzinfektionen und sind mit hoher Morbidität und Letalität verbunden, insbesondere bei Patient*innen mit beeinträchtigtem Immunsystem.1

Date of publishing: 29. September 2020
Bei Patient*innen mit HER2-negativem, lokal fortgeschrittenem/metastasiertem Brustkrebs und BRCA1/2-Mutationen verbessert Talzenna® (Talazoparib)...
Date of publishing: 27. Juli 2020
Für die Behandlung erwachsener Patient*innen mit neu diagnostizierter de novo oder sekundärer akuter myeloischer Leukämie (AML), die keine Kandidat...
Date of publishing: 24. Juli 2020
Letztes Jahr wurden 108 Personen aufgrund einer FSME (Frühsommer Meningoenzephalitis) in österreichischen Krankenhäusern behandelt....
Date of publishing: 23. Juli 2020
Von der Zigarette loszukommen ist nicht leicht: 80 % der Raucher*innen, die ohne Unterstützung versuchen, mit dem Rauchen aufzuhören, kehren...
Date of publishing: 22. Juli 2020
Von 1. September 2020 bis 31. März 2021 gibt es wieder die Pneumokokken-Impfaktion, in der Prevenar 13® im Aktionszeitraum um 76 Euro (Höchstpreis)...
Date of publishing: 5. August 2020
Der Übergang von der Kinder- und Jugend- in die Erwachsenenmedizin ist für gesunde Jugendliche kaum spürbar. Für chronisch kranke junge Menschen...
Date of publishing: 4. August 2020
Die Zeit, die Ihnen mit Ihren Patient*innen Verfügung steht, ist begrenzt und wertvoll – nicht nur in der Covid-Zeit. Wenn Ihre Patientin, Ihr...
Date of publishing: 23. Juni 2020
Prof. Dr. Manuela Schmidinger, Doz. Dr. Martin Marszalek, Dr. Sonja Vallet, Dr. Sabine Weibrecht, Dr. Agnes Maj-Hes und Dr. Dora Niedersüß-Beke...
Date of publishing: 25. Mai 2020
Präsentation der Ergebnisse von CARAVAGGIO am virtuellen ACC 2020...
Date of publishing: 18. Mai 2020
CRESEMBA® ist ein Triazol-Antimykotikum und zugelassen zur Behandlung invasiver Aspergillosen, sowie Mukormykosen bei Patienten, bei denen eine...
Date of publishing: 12. Mai 2020

Richtige Schmerzerkennung im Pflegeheim? Eine aktuelle Leitlinie hilft dabei.

Bis zu 80 % der Bewohner von Pflegeheimen leiden unter Schmerzen, vor allem unter chronischen Schmerzen. Viele dieser Menschen empfinden diese Schmerzen allerdings als unvermeidlich und möchten keinesfalls zur Belastung für die Pflegepersonen werden. Dieses „Underreporting“ trägt genauso zur mangelnden Schmerzerkennung bei wie ein unzureichendes Schmerz-Assessment, wobei letzteres durch kognitive Einschränkungen der Patienten weiter kompliziert wird. Unerkannter Schmerz hat aber weitreichende Folgen: Funktionelle Einschränkung, reduzierte Lebensqualität, Depression und Angst sowie Schlafstörungen sind einige davon. Nicht zuletzt führt all dies zu höheren Kosten.

Schmerz kann nur dann richtig therapiert werden, wenn er zuvor richtig erkannt wurde. Die Deutsche Schmerzgesellschaft entwickelte daher gemeinsam mit mehr als 30 anderen Fachgesellschaften
und Berufsverbänden und unter Einbindung von älteren Menschen und Schmerzpatienten eine Leitlinie. Dieser Prozess dauerte von 2011 bis 2017: Basierend auf den Ergebnissen einer systematischen Literaturrecherche wurden in einem strukturierten Prozess Empfehlungen für die Bereiche Kognition und Screening, Assessment sowie Verlauf erarbeitet.

Die S3-Leitlinie ist hier aufrufbar

 

Date of publishing: 12. Mai 2020

Daheim betreute ältere Schmerzpatienten werden oft nicht adäquat behandelt. Das muss sich ändern.

Warum Ältere ein Problem mit chronischen Schmerzen haben, liegt auf der Hand: Die Prävalenz von Erkrankungen des Bewegungsapparates, von Krebserkrankungen, Neuropathien und anderen Krankheiten, die mit Schmerzen einhergehen, ist bei älteren Menschen einfach sehr hoch. Daten aus Großbritannien deuten darauf hin, dass mehr als 60 % der Menschen über 75 Jahren Schmerzpatienten sind. Noch höher dürfte dieser Wert bei daheim lebenden ambulant gepflegten Menschen liegen. Und obwohl unkontrollierte Schmerzen die tägliche Aktivität stark beeinträchtigen, werden sie oft nur inadäquat behandelt.

322 Patienten aus Berlin

Die Berliner Autorengruppe analysierte Daten, die zuvor (2017– 2019) für eine nicht-interventionelle Querschnittsstudie gesammelt worden waren. 322 chronische Schmerzpatienten (alle in Berlin) ab 65 Jahren (Durchschnitt 82 Jahre) wurden eingeschlossen. Knapp über 70 % waren Frauen. Alle lebten daheim und erhielten ambulante Pflege. Die Daten waren in persönlichen Interviews mit Patienten, Angehörigen und/oder Pflegekräften sowie aus Medikationsplänen erhoben worden.

Beurteilung mittels Scores

Wie konnten die Autoren nun feststellen, ob die Schmerzmedikation eines Patienten adäquat war? Dazu wurde ein Instrument namens Pain Medication Appropriateness Score (PMAS, Bereich 0 –100) eingesetzt, und zwar in einer für Deutschland adaptierten Version. Nur vom Arzt verordnete Medikamente wurden dabei berücksichtigt. Der Schmerz selbst wurde auf einer numerischen Skala (NRS) von 0 – 10 erfasst, bei Patienten mit schwerer kognitiver Einschränkung (MMSE<10) oder Unmöglichkeit der NRS-Erfassung verwendete man einen Score zur Schmerzerfassung bei Demenz (PAINAID, 0 – 10).

Deutliche Schmerzbelastung

Im Durchschnitt gaben die Patienten für die letzten 24 Stunden eine Schmerzintensität auf der NRS von 5,3 an (auf der PAINAID, für die kognitiv Eingeschränkten, waren es 2,3). Am häufigsten handelte es sich um Kreuzschmerzen (76 %), Arthroseschmerzen (67 %) oder neuropathische Schmerzen (57 %). Fast die Hälfte (!) der Patienten gab an, seit zumindest 10 Jahren unter Schmerzen zu leiden.

Fast ein Fünftel ganz ohne Schmerzmittel

Wurden Schmerzmittel verschrieben, so war das am häufigsten Metamizol (71 %) oder Ibuprofen (15 %). Nur 5 % erhielten Paracetamol verordnet. Betrachtet man die Schmerzmittelgruppen, so erhielten 19 % systemische NSAID. 51 % wurden mit Opioiden behandelt. Auffallend war, dass rund 19 % der Patienten trotz ihrer chronischen Schmerzen keine Schmerzmedikation erhielten – jedoch ist dieser Wert durchaus im Einklang mit Daten aus anderen Studien.

Nur wenige adäquat behandelt

Der mediane PMAS Score lag bei 47,6. Am höchsten war er bei Patienten, denen neben regelmäßig einzunehmender Medikation auch eine Bedarfsmedikation verordnet worden war. Nur 18 % der Patienten hatten einen PMAS Score >67, dem Schwellenwert für suffiziente Schmerzmedikation. Inadäquate Dosierungsmuster und häufig unangemessene Nutzung von Schmerzmitteln trugen zu dem Ergebnis bei. Bei der Interpretation dieser Daten muss man – neben weiteren Limitationen – allerdings berücksichtigen, dass nicht-medikamentöse Maßnahmen zur Schmerzreduktion im PMAS nicht berücksichtigt werden.

Fazit

In dieser Querschnittsstudie wurden etliche Defizite in der Schmerzbehandlung identifiziert. Die Autoren schließen ihre Publikation mit dem Wunsch nach multidisziplinären Behandlungsstrategien, in die Ärzte, Pharmazeuten, Pflegekräfte und Patienten eingebunden sein sollten. Moderne e-Health-Methoden könnten dieses Bestreben ebenfalls unterstützen.

 

Referenz:
Schneider J, et al., Deficits in pain medication in older adults with chronic pain receiving home care: A cross-sectional study in Germany. PLoS ONE 2020;15(2):e0229229

Date of publishing: 12. Mai 2020

Mehr als ein Drittel der Älteren leidet unter chronischem Schmerz, zeigen Daten aus Schweden

Chronischer Schmerz ist gerade bei Älteren häufig. Die Angaben zur Prävalenz variieren allerdings, etwa zwischen 27 und 86 Prozent. Dazu kommt, dass manche Publikationen eine Zunahme, manche aber auch eine Abnahme mit dem Alter zeigten. Die Unterschiede erklären sich zum Teil aus unterschiedlichen Beobachtungszeiten, Definitionen, Studienpopulationen usw. Allein das war Grund genug, eine prospektive Untersuchung zu starten, um die Datenbasis zur Prävalenz und Inzidenz chronischer Schmerzen bei älteren Personen zu erweitern.

Risikofaktoren – Grundlage für Prävention

Dazu kommt noch, dass man chronischem Schmerz nur dann präventiv entgegenwirken kann, wenn man Risikofaktoren kennt, an denen man sich orientieren kann. Dazu zählen generell zum Beispiel

  • jüngeres Alter,
  • weibliches Geschlecht,
  • niedrige soziale Schicht bzw. sozioökonomischer Status,
  • Schweregrad des Schmerzes,
  • Anzahl von Schmerzlokalisationen,
  • psychologische Faktoren (z. B. Angst oder Depression),
  • Komorbiditäten,
  • genetische Faktoren und Vererbung.

Die Datenbasis speziell für ältere Patienten steht auf deutlich wackeligeren Beinen, da es nur wenige Studien dazu gibt. Es wurden z. B. hoher BMI, ein selbst empfundener schlechter Gesundheitszustand oder depressive Symptome als Risikofaktoren berichtet. Die Datenquellen dazu stammen aus unterschiedlichen Settings und sind schwer zu generalisieren. Und Schmerz tritt im Alter selten allein auf: Meist ist er begleitet von Erschöpfung, Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen, eingeschränkter Mobilität oder anderen altersassoziierten Faktoren. Angesichts der variablen Datenlage war es daher ein zweites Ziel der vorliegenden Studie, Risikofaktoren für die Persistenz, aber auch das Neuauftreten chronischer Schmerzen speziell bei Älteren zu definieren.

Eine Zufallsauswahl älterer Schweden

Anhand einer Zufallsstichprobe erhielten 2.000 ältere (≥ 65 Jahre) Personen in Schweden einen Fragebogen zugesandt. Personen, die den Fragebogen retournierten, wurden nach 12 und nach 24 Monaten erneut befragt. Chronischer Schmerz war als konstanter oder intermittierender Schmerz für zumindest 3 Monate definiert; akuter Schmerz als Schmerz in der letzten Woche, aber für weniger als 3 Monate. Weiters wurden Schmerzintensität, Dauer und Schmerzlokalisationen erhoben. Auch der störende Einfluss des Schmerzes auf die psychosozialen Aspekte des Lebens wurde mittels eines Scores abgefragt. Weitere Fragen betrafen u.a. Schlafstörungen, Aktivität und Bewegungseinschränkung, Erschöpfung oder depressive Stimmungslage.

Mehr als ein Drittel mit chronischem Schmerz

Etwas über die Hälfte der befragen Personen schickten den Fragebogen ausgefüllt zurück. Sie wurden nach einem (88 % Rücksenderate) bzw. zwei Jahren (81 % Rücksenderate) nochmals befragt. Im Durchschnitt waren die antwortenden Personen 75 Jahre alt, es antworteten etwas mehr Frauen als Männer. Insgesamt gaben 38,5 %, also mehr als ein Drittel, der Befragten an, chronische Schmerzen zu haben. Die Prävalenz war in der Altersgruppe ab 85 Jahren am höchsten. Patienten mit chronischen Schmerzen waren zudem deutlich häufiger weiblich, lebten öfter allein und hatten häufiger Mobilitätseinschränkungen oder litten unter einer depressiven Stimmung.

Ein Drittel der Schmerzpatienten ohne Schmerzdiagnose

Die am häufigsten betroffenen Körperbereiche waren Rücken/Becken (34 %) und die unteren Extremitäten (31 %), gefolgt von den Armen, Schultern/Nacken und Thorax/Abdomen. Nur knapp 4 % gaben chronische  Kopfschmerzen an. Bemerkenswert ist, dass ein Drittel der Schmerzpatienten nie eine Schmerzdiagnose erhalten hatte. Eine Mehrheit der Teilnehmer verwendete Schmerzmittel. Die > 85-jährigen griffen
dabei tendenziell am häufigsten zum Medikament (69,5 %).

Meist persistierend

93,5 % der Patienten, die in der ersten Befragung chronische Schmerzen angegeben hatten, gaben auch in der zweiten Befragung (nach 12 Monaten) Schmerzen an; 87,9 % auch in der dritten (nach 24 Monaten). Das Vorhandensein von Schmerzen in mehr als einem Körperbereich war der stärkste Prädiktor für nach 24 Monaten persistierende chronische Schmerzen, weiters u. a. die Schmerzintensität und die Dauer der Schmerzen; in der Subgruppenanalyse waren all diese Prädiktoren aber nur für Frauen statistisch signifikant. Die kumulative jährliche Inzidenz chronischer Schmerzen, also deren Neuauftreten, lag bei 5,4 %.

Fazit

Chronische Schmerzen waren auch in dieser prospektiven Analyse sehr häufig. Bei Frauen waren Charakteristika des Schmerzes Prädiktoren für seine Persistenz. Die Ergebnisse der Studie zeigen einmal mehr, wie wichtig frühes Schmerzmanagement ist.

 

Referenz:
Larsson C, et al., Chronic pain in older adults: prevalence, incidence, and risk factors. Scandinavian Journal of Rheumatology 2017; 46(4):317–325

Date of publishing: 24. März 2020
Sie haben hier die Möglichkeit, ein Online Gespräch mit unserem Spezialisten*in im Außendienst anzufordern....
Date of publishing: 11. Februar 2020
Pfizer engagiert sich unter anderem für eine optimale Rehabilitation. In der Neurorehabilitation gibt es verschiedene technische Hilfsmaßnahmen, es...