Die Erkrankung

Als myelodysplastische Syndrome werden symptomatisch ähnliche hämatologische Erkrankungen zusammengefasst, die sich über eine schrittweise Häufung unterschiedlicher chromosomaler, genetischer und/oder epigenetischer Abnormalitäten in den hämatopoetischen Stammzellen entwickeln. Durch die klonale Proliferation der hämatopoetischen Stammzellen kommt es zur Entstehung und Vermehrung dysplastischer Zellen mit Apoptoseneigung, die die gesunde Hämatopoese im Knochenmark verdrängen. Die wachsende Zahl der funktionsgestörten oder funktionslosen Zellen führt letztlich zur Zytopenie einer oder mehrerer Zellreihen (Anämie, Leukozytopenie, Neutropenie, Thrombozytopenie) und gegebenenfalls auch vermehrten Blasten im peripheren Blut. Klassifiziert werden die verschiedenen MDS nach WHO Kriterien1.

Myelodysplastische Syndrome werden ursächlich in zwei Gruppen eingeteilt: primäre Formen der MDS und sekundäre (therapieassoziierte) Formen der MDS2,3. Patienten mit primären MDS bilden mit ca. 90% den größten Anteil. Als Ursache werden hier maligne Mutationen (chromosomale, genetische und/oder epigenetische Veränderungen) der hämatopoetischen Stammzellen im Knochenmark angenommen, die im Laufe des Lebens zufällig, aufgrund bestimmter genetischer Veranlagungen oder durch Umwelteinflüsse (ionisierende Strahlung, chemische Noxen) erworben werden. Patienten mit sekundären MDS bilden mit ca. 10 % eine vergleichsweise kleine Gruppe. Bei diesen Patienten wird die Erkrankung auf eine vorhergehende hämatologische Erkrankung oder Krebsbehandlung mit Chemo- oder Strahlentherapie zurückgeführt2,3. In den meisten Fällen der primären und sekundären MDS kann die tatsächliche Ursache nicht exakt bestimmt werden.

Mit einer Inzidenz von ca. 4-5/100.000 Einwohnern pro Jahr gehören die myelodysplastischen Syndrome zu den häufigsten malignen hämatologischen Erkrankungen4. In der Altersgruppe >70 Jahre steigt die Inzidenz auf >30/100.000 an, Frauen sind etwas seltener betroffen als Männer3.
Myelodysplastische Syndrome entwickeln sich also meist in hohem Alter und zeigen häufig einen jahrelangen langsamen Verlauf. Risiko-Scores wie der IPSS und IPSS-R (International Prognostic Scoring System-Revised) ermöglichen die Einschätzung der Prognose des Patienten hinsichtlich Überleben und Progressionsrisiko in eine akute myeloische Leukämie (AML)3. Je nach Risikofaktoren ergibt sich ein individuelles Therapiekonzept, das aus alleiniger Beobachtung, supportiver und/oder MDS-spezifischer Therapie sowie allogener Stammzellentransplantation bestehen kann. Zurzeit sind MDS medikamentös nicht heilbar2. Die einzige Chance auf Heilung stellt eine allogene Stammzellentransplantation dar, für die aber nicht jeder Patient aufgrund von Faktoren wie hohem Alter, mangelhafter Fitness oder dem Fehlen geeigneter Spender geeignet ist.

Symptome und Diagnose

Die Symptome der MDS sind eher unspezifisch und treten auch in Verbindung mit anderen Erkrankungen auf. Ein verändertes Blutbild fällt häufig nur als Zufallsbefund einer Routineuntersuchung auf, da MDS anfänglich häufig klinisch unauffällig sind2. Häufig fallen durch Zytopenien verursachte Symptome auf. Eine Anämie (Blutarmut, Verminderung der roten Blutkörperchen) führt zu Blässe, Müdigkeit, Abgeschlagenheit, verminderter Leistungsfähigkeit, Kurzatmigkeit, allgemeiner Schwäche und Unwohlsein2. Manche Patienten leiden unter Kopfschmerzen, Ohrensausen, Schwindel und einem schnellen Pulsschlag. Durch Leukopenien oder Neutropenien (Verminderung der weißen Blutkörperchen) erhöht sich die Infektanfälligkeit2. Thrombozytopenien (Verminderung der Thrombozyten) verursachen Gerinnungsstörungen und Blutungen (Petechien, blaue Flecken, Nasenbluten, verlängerte Blutungen z.B. nach leichten Verletzungen, verlängerte Regelblutungen bei prämenopausalen Frauen)2.
Nach Ausschluss von Differentialdiagnosen gehören zur MDS-Diagnostik die Erstellung eines Differentialblutbildes und eine Knochenmarkpunktion. Molekulare Marker ermöglichen es, die Diagnose eines MDS zu unterstützen bzw. die Prognose zusammen mit klinischen und zytogenetischen Parametern zu bestimmen3.

Therapie

Die Therapie der MDS richtet sich nach Risikofaktoren und dem Grad der Zytopenien. Die Maßnahmen reichen von einem anfänglichen Abwarten und Beobachten bei geringgradigen Zytopenien über supportive Therapien zu Chemotherapien und Stammzellentransplantation. Supportive Therapien beinhalten die Transfusion von Erythrozyten- und/oder Thrombozytenkonzentraten sowie die Behandlung mit Antibiotika3. Außerdem können hämatopoetischeWachstumsfaktoren (z.B. G-CSF, EPO) verabreicht werden3. Eine zusätzliche Behandlung mit einer hypomethylierenden Substanz (Azacitidin) hat eine verbesserte Wirkung gegenüber einer alleinigen Supportivtherapie gezeigt5;6. Chemotherapien haben eine abnehmende Bedeutung bei der Behandlung der MDS. Die Möglichkeit einer allogenen Stammzellentransplantation hängt als individuelles Verfahren von vielen Faktoren (u.a. Alter, Fitness, Verfügbarkeit eines Spenders) ab und stellt die einzige potentiell kurative Therapie der MDS dar3.
Zurzeit werden neue Wirkstoffe in klinischen Studien getestet, die beispielsweise mit der Beeinflussung des Hedgehog-Pathways alternative Wirkmechanismen untersuchen.

Referenzen:

1. Hong et al.: The 2016 revision to the World Health Organization classification of myelodysplastic syndromes. In: Journal of Translational Internal Medicine. Band 5, Nummer 3, 2017, doi: 10.1515/jtim-2017-0002, S. 139–143
2. https://www.kompetenznetz-leukaemie.de/content/patienten/leukaemien/mds
3. https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/myelodysplastische-syndrome-mds/@@guideline/html/index.html#litID0ELYBG
4. Neukirchen J, Schoonen WM, Strupp C et al.: Incidence and prevalence of myelodysplastic syndromes: data from the Düsseldorf MDS-registry. Leuk Res 35:1591-1596, 2011. DOI:10.1016/j.leukres.2012.04.006
5. Silverman LR, Demakos EP, Peterson BL et al: Randomized controlled trial of azacitidine in patients with the myelodysplastic syndrome: a study of the cancer and leukemia group B. J Clin Oncol 20:2429-2440, 2002. DOI:10.1200/JCO.2002.04.117
6. Fenaux P, Mufti GJ, Hellstrom-Lindberg E et al.: Efficacy of azacitidine compared with that of conventional care regimens in the treatment of higher-risk myelodysplastic syndromes: a randomised, open-label, phase III study. Lancet Oncol 10:223-232, 2009. DOI:10.1016/S1470-2045(09)70003-8